Status: Goldkundin
Mal wieder Zeit für ein Update. Es ist viel passiert.
Nach unendlich erscheinenden vier Wochen hatten wir endlich die Gewissheit, dass der Genschrott sich dankenswerterweise in Grenzen hält: Die zweite Blutuntersuchung bei meinem Lieblingsmenschen ergab, dass es sich wirklich „nur“ um die bereits diagnostizierte parazentrische Inversion handelt und dass kein anderer, versteckter Chromosomendefekt dahinter steckt. Aufatmen! Natürlich soll im Falle einer Schwangerschaft genauer hingeschaut werden – eine Amniozentese wäre da wohl das diagnostische Mittel der Wahl, wenn wir uns denn dafür entscheiden würden –, aber die Wahrscheinlichkeit, dass sich dieser Defekt in Infertilität und einer erhöhten Fehlgeburtenrate niederschlägt, ist verschwindend gering. Soweit, so (un)gut.
Als wir das Ergebnis der zweiten Blutuntersuchung erhielten, befand ich mich in unserem ersten Behandlungszyklus in der Kinderwunschklinik, diesmal nicht Dr. Kiwufa, der zu der Zeit im wohlverdienten Urlaub weilte, sondern bei Frau Dr. Vertretung.
Von ZT 4-9 nahm ich je 50 mg Clomifen, ein Mittel zur ovariellen Stimulation, das ich problemlos vertrug. An ZT 11 machte Frau Dr. Vertretung eine Ultraschallkontrolle, jauchzte auf, als sie einen wunderschönen großen Follikel an meinem rechten Eierstock entdeckte, instruierte mich über das weitere Vorgehen, drückte mir ein Rezept für Brevactid (hCG, das aus dem Urin schwangerer Frauen gewonnen wird – eine gruselige Vorstellung...), Duphaston, Fragmin-Spritzen und ASS in die Hand und bat mich, noch mal wiederzukommen, wenn ich das alles aus der Apotheke geholt habe. Dort erhielt ich nun endgültig den Goldkundinnen-Status – was mit zwei Reisezahnbürsten und einem Stoffbeutel mit Apothekenlogo belohnt wurde – und mutierte zusätzlich vermutlich automatisch zur Belastung für meine Krankenkasse...
Derart vollbepackt ging’s zurück in die Kinderwunschklinik, wo mir eine nette Pflegehelferin 10.000 i.E. Brevactid zur Auslösung des Eisprungs ins Bauchfell jagte (autsch!) und mir erklärte, wie die Einwegspritzen Fragmin, die ich mir fortan selbst geben sollte, funktionieren.
Für die nächsten zwei Tagen ließ der Behandlungsplan verlauten: GVnP=Geschlechtsverkehr nach Plan – was dem Spaß an der Sache aber zum Glück keinen Abbruch tat ;-) Ab dem 14. Zyklustag wurd’s dann mächtig bunt im Medikamenteblumenstrauß: Morgens und abends je eine 1 Duphaston, tägl. 50 mg ASS sowie 2500 i.E. Fragmin subkutan, und das alles zusätzlich zum hochdosierten Vitamincocktail, bestehend aus Folsäure, Vitamin B6 und Vitamin B12, den ich aufgrund einer bei den Blutabnahmen in der Kinderwunschklinik nebenbei diagnostizierten (und wegen der Genschrott-Diagnose bei meinem Lieblingsmenschen etwas in den Hintergrund getretenen und beinahe vergessenen) MTHFR-Mutation, einer Gerinnungsstörung, täglich zu mir nehmen muss.
Das Spritzen in den Bauch klappte – entgegen meiner Befürchtungen – angstfrei und ganz ohne Schmerzen und Probleme. Was war ich stolz! Manchmal blieb ein kleiner Bluterguss zurück, an anderen Tagen konnte man die Einstichstelle kurz nach dem Spritzen schon nicht mehr sehen.
In den ersten Tagen der 2. Zyklushälfte konnte ich noch ein paar wenige und kaum störende Nebenwirkungen entdecken. Ich fühlte mich etwas aufgebläht, mein Geschmackssinn war – sagen wir mal – irritiert, ich war ständig müde, irgendwo zwickte und zwackte es immer, und ich hatte wirre, teils belustigende, teils besorgniserregende bis beängstigende Träume, meine Brustwarzen waren total empfindlich, aber die meisten meiner üblichen prämenstruellen Symptome blieben aus und mir ging es erstaunlich gut. Je weiter der hCG-Spiegel in meinem Blut sank (und das tat er sehr schnell, wie ein negativer Schwangerschaftstest 11 Tage nach der Auslösespritze zeigte), umso „normaler“ ging es mir, und ich durchlebte die wohl angenehmste, entspannteste 2. Zyklushälfte seit Beginn meiner NFP-Aufzeichnungen.
Doch leider stieg das hCG nicht wieder an... Nach dem Bluttest an ZT 29 bestätigte mir Frau Dr. Vertretung telefonisch, was mir aufgrund der Frühtests, die ich zu Hause gemacht hatte, bereits klar war: Negativ. Nicht schwanger. Oder in Zahlen: hCG=0,139.
kraantje am 20. September 13
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Genschrott
Am vergangenen Freitag sollte ich wieder bei unserem Kinderwunschfachanbieter vorbeischauen, um, wie ich dachte, die Befunde der Blutabnahme bezüglich Gerinnung, Hormonen etc. pp. zu besprechen. Doch schon in der Tür erkundigte sich der Doktor nach dem Verbleib meines Lieblingsmenschen, denn auch die Befunde der genetischen Untersuchung waren schon angekommen. Damit hatte ich nicht gerechnet, und der Doktor war seinerseits erstaunt, dass mein Lieblingsmensch nicht dabei war. Kurz und knapp erläuterte er mir, man habe etwas gefunden. Was, könne er mir nicht sagen, mein Lieblingsmensch müsse dabei sein. Er empfahl uns eine genetische Beratung bei einem Humangenetiker und setzte umgehend alle Hebel in Bewegung, um uns schnellstmöglich einen Termin zu verschaffen. Ich zitterte wie Espenlaub und begann zu weinen. Das darf doch alles nicht wahr sein!? Genau davor hatte ich am meisten Angst... Das Gesetz der Anziehung ist manchmal schon ein Arschloch...
Eine der Kinderwunschservicedamen nahm sich meiner und unseres Anliegens an und besorgte uns für den kommenden Dienstag, den 16.7., einen Termin. Sie war unglaublich toll, tröstete mich, drückte meine Hand und später ein Taschentuch in dieselbe und sprach mir unentwegt Mut zu. Auch der Doktor schaute noch einmal rein, versuchte, mich zu beruhigen, erklärte mir, dass es wohl nichts Schlimmes sei und dass im Übrigen alle meine Werte aus sämtlichen Untersuchungen tipptopp seien. Abschließend bot er an, am Nachmittag, wenn mein Lieblingsmensch zu Hause sei, noch einmal zu telefonieren. Wir mögen uns bitte bis dahin nicht verrückt machen. Aha...
Ein paar Stunden später wussten wir, dass auf einem Chromosom meines Lieblingsmenschen eine parazentrische Inversion vorliege. Dazu später mehr...
Unser Termin beim Humangenetiker begann überpünktlich irgendwann vor 15 Uhr. Zu Beginn musste ich einen „Was bisher geschah...“-Bericht abliefern, eine Zusammenfassung der Kinderwunschzeit samt aller bereits getätigten Untersuchungen. Dann wurde mein Lieblingsmensch befragt. Anschließend zeichnete er nacheinander unsere Stammbäume auf und fragte, ob es da, von der Großeltern- bis zur jüngsten Generation (Neffen, Nichten), irgendwelche Krankheiten gebe und ob wir von Unfruchtbarkeit oder Fehlgeburten wissen. Wir haben brav berichtet. Dann hat er anhand von Anschauungsmaterial den „Befund“ erklärt. Ich versuch’s mal, das anschaulich zu erklären, muss aber ein bisschen ausholen:
Stellen wir uns ein Chromosom wie eine in die Länge gezogene, mit unterschiedlich breiten Ringen bemalte Figur aus einem Mensch-ärger-dich-nicht-Spiel vor. Den Kopf nennen wir p-Arm, die Einschnürung, also der Hals der Figur, heißt Centromer, der Rumpf q-Arm. Auf den unterschiedlich breiten Ringen sind waaaaahnsinnig viele Informationen untergebracht (u.a. die Gene für die unterschiedlichsten Dinge, die uns so ausmachen und unser Leben bestimmen, z.B. auch gesundheitlich), und die Ringe „kommunizieren“ auch untereinander. Derer Figuren gibt es 23 ganz und gar verschiedene, sie sind mal größer, mal kleiner, tragen mehr oder weniger Informationen, die Ringe sind breiter oder schmaler, und vor allem trägt jede Figur andere Informationen. Eine der Figuren transportiert die Information für’s Geschlecht (= Gonosom = „Geschlechtschromosom“, das, was man gemeinhin als X- und Y-Chromosom kennt).
Nun ist es aber so, dass wir Menschen ja den Hals nicht vollkriegen können und uns ein Spiel mit 23 Figuren nicht ausreicht. Wir brauchen gaaaanz unbedingt zwei. Es gibt männliche Spiele und weibliche Spiele, sie unterscheiden sich durch die 23. Spielfigur, die die Informationen für das Geschlecht transportiert. Für die Entstehung eines Mädchens brauchen wir zwei weibliche Spiele und für die Entstehung eines Jungen brauchen wir ein weibliches und ein männliches Spiel, wobei letzteres das erstere dominiert.
Zusammenfassend: Ein „normaler“, gesunder menschlicher Chromosomensatz besteht also aus 46 Figuren, alle Informationen liegen doppelt vor.
Wenn’s an die Fortpflanzung geht, teilt sich dieser doppelte Chromosomensatz 50/50 auf. In den Eizellen und Samenzellen tummelt sich also je ein komplettes Mensch-ärger-dich-nicht-Spiel mit 23 Figuren. Wenn nun Eizelle und Spermium verschmelzen, setzen die sich ganz gemütlich zusammen und leben fortan glücklich und zufrieden mit zwei Spielen, die sie brav neu sortieren und – weil’s so schön ist – duplizieren. Ob die Samenzelle ein männliches oder ein weibliches Spiel mitgebracht hat, entscheidet über das Geschlecht des Kindes. Klar soweit?
Sooooo... Jetzt haben die Menschen im Labor die zwei Spiele meines Lieblingsmenschen geöffnet und sich jede einzelne Figur mal ganz genau angeschaut. Sie stellten fest, dass es bei einer der Spielfiguren des einen Spiels, das an seiner Entstehung beteiligt war, irgendwann mal einen Produktionsfehler gegeben haben muss. Das nennt man heterozygot. Wäre dieser Produktionsfehler auch auf dem analogen Püppchen des anderen Spiels, hieße das homozygot. Seit wann es diesen Produktionsfehler gibt, weiß man nicht, es ist aber gut möglich, dass dieser Produktionsfehler länger unbemerkt blieb, dass er also bei einem seiner Elternteile, vielleicht auch schon Großelternteile usw. usf. vorlag, und dass auch seine Geschwister diesen Fehler mit sich herumtragen.
Auf jeden Fall ist der Rumpf (= q-Arm) einer der Spielfiguren des einen Spiels irgendwann mal in drei Teile zerbrochen. Der Tollpatsch in der Spielwarenfabrik hat das zu vertuschen versucht und leider in aller Eile das mittlere Bruchstück verkehrt herum eingeklebt (Inversion). Der untere Teil des Bruchstücks ist jetzt also unterm Hals, der obere unten beim Bauchnabel. Es ist ein großes Glück, dass sie nicht mit Beteiligung des Halses zergebrochen ist (perizentrische Inversion), denn dann wären jetzt Informationen aus dem Rumpf (q-Arm) oben im Kopf (p-Arm) und umgekehrt, und das wär weniger optimal als es jetzt ist.
Erkannt haben die Labormenschen das, weil das Ringelmuster halt auf dem Kopf steht. Mein Lieblingsmensch ist dennoch gesund, auf ihn hat dieser Kappes keine Auswirkungen, erhöht auch nicht die Gefahr, irgendwelche bekloppten Krankheiten zu bekommen, und das ist ja alles schon mal sehrsehr gut und wichtig! Und da er so gut damit lebt, nur eine Figur eines seiner Spiele kaputt ist, das andere Spiel und meine beiden aber heile sind, stehen die Chancen eben gut, dass seine defekte Figur
a) vermutlichtheoretischgegebenenfallseventuell nichts mit den Fehlgeburten zu tun hat,
b) vermutlichtheoretischgegebenenfallseventuell nichts mit der Infertilität zu tun hat,
und dass c) vermutlichtheoretischgegebenenfallseventuell die Zeugung eines genetisch gesunden Kindes möglich ist. Soweit, so gut...
Die Menschen in einem anderen Labor werden jetzt noch einmal die beiden Spiele öffnen, sich die defekte Figur raussuchen und diese noch ein bisschen genauer anschauen. Alternativ wäre nämlich folgendes Szenario möglich:
Es kann sein, dass der Trottel in der Spielwarenfabrik nicht nur eine Figur zerbrochen hat sondern gleich zwei. Er hat sich die Bruchstücke dann angeschaut, festgestellt, dass das Ringelmuster zweier Bruchstücke sehr ähnlich aussieht und diese auch ungefähr gleich groß sind, und hat in der Annahme, dass das schon egal ist, welches Teil wohin gehört, achselzuckend und ein Liedchen pfeifend begonnen, die Figuren wieder zusammenzukleben. Dabei hat er aber unglücklicherweise das mittlere Bruchstück der einen Figur mit dem ähnlich aussehenden Bruchstück der anderen Figur vertauscht. Das Bruchstück der einen Figur hat er quasi „richtig herum“ in die andere Figur eingebaut, bei ersterer aber das falsche Bruchstück auch noch verkehrt herum. Den Göttinger Labormenschen ist dann natürlich nur die Figur mit dem „verkehrt-herumen“ Bruchstück aufgefallen.
Die neuen Labormenschen sollen nun (ich hoffe, das hab ich richtig verstanden) die defekte Figur des einen Spiels mit der identischen Figur des anderen Spiels zusammenbringen und schauen, ob sie sich vertragen. Tun sie dies an der betroffenen Stelle nicht, liegt nicht der Befund vor, den wir jetzt mitgeteilt bekommen haben, sondern ein anderer, der sich im Fachchinesisch Insertions-Translokation nennt. Das wäre gaaaar nicht gut... Dann müssten die Labormenschen natürlich auch noch das andere geflickte Spielfigürchen suchen. Ob sich ein solcher Defekt auf die Gesundheit meines Lieblingsmenschen auswirken, er dann nicht eigentlich schwer behindert sein müsste, und ob sich sowas nicht zumindest im Spermiogramm (das ja super war) niederschlagen würde, dazu gab’s mal wieder so eine Vermutlichtheoretischgegebenenfallseventuell-Antwort. Jeder Jeck ist eben anders, sagt man ja so schön... Grmpf...
Nun ja, das ist der Stand der Dinge. Die Untersuchungsergebnisse bekommen wir in ca. 4 Wochen, vielleicht sind wir dann schlauer. Ausschließen kann man dabei aber noch nicht, dass nicht doch irgendein Kappes a) bei der Spermatogenese, also der Aufteilung des doppelten Chromosomensatzes, oder b) bei der Meiose (also dem Zusammenschütten und Neusortieren der beiden Spiele in der befruchteten Eizelle) passiert. Der Genetiker sagte bzgl. des aktuellen Befundes, dass er das Risiko für eine frühe Fehlgeburt als nicht wesentlich höher einschätzen würde, als es bei jeder anderen Frau auch sei. Eine Befruchtung sei eben besonders aus genetischer Sicht so ein wahnsinnig komplexer Vorgang, dass man doch immer noch staunend davor sitzt, wenn gesundes neues Leben entsteht. Solle man sich immer vor Augen halten. Wissen wir ja aber auch ☺
Im Falle einer etwaig eintretenden und ausnahmsweise mal bleibenden Schwangerschaft hat er dringend zu einer Fruchtwasseruntersuchung geraten. Wenn mit dem Defekt nämlich noch mehr Unsinn passiert (was halt immer passieren kann, womit man aber in der Regel halt leben kann, wenn es ein verhältnismäßig „einfacher“ Defekt ist, nur sei bei uns eben das Risiko dafür größer), könnte das auch zur Folge haben, dass unser Nachwuchs krank, behindert oder nicht lebensfähig ist. Sollte ich schwanger werden und bleiben, würde er uns diesbezüglich noch einmal eingehend beraten. Die letzte Entscheidung liege aber selbstverständlich bei uns.
Wir warten und hoffen das unter diesen Umständen Beste...
kraantje am 17. Juli 13
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Abenteuer Kinderwunschfachanbieter
Fast die gesamte Seelenbaby-Beinahe-Schwangerschaft, deren vET der 23.6.2013 gewesen wäre, war vergangen, als ich am Nachmittag des 18.6.2013 mit allerhand Papierkram bewaffnet zum ersten Mal über die Schwelle meiner Kinderwunschfachanbieter-Praxis spazierte. Unsere „gesammelten Werke“ – Vorbefunde und OP-Berichte von mir, das ausgewertete Spermiogramm meines Lieblingsmenschen sowie je einen Anamnesebogen und einen psychologischen Fragebogen, die wir zugeschickt bekommen hatten und ausgefüllt und unterschrieben mitbringen mussten – lieferte ich nicht nur wegen des schwül-heißen Wetters schweißgebadet und vor Aufregung fast kollabierend am Empfang ab. Während ich dem unter dem Gewicht unserer Akte leise ächzenden Empfangstisch lauschte, knipste eine der Kinderwunschservicedamen per Webcam ein Foto von mir – wohl, um etwaigem Missbrauch durch Finder oder Diebe meiner Versicherungskarte vorzubeugen... Ob’s hilft?! Ich seh darauf dermaßen kriminell und nicht-ICH-ig aus, dass ich hoffe, ich krieg keine Probleme, wenn ich mal nicht-verbrecherisch dreinschauend dort aufschlage ;-)). Anschließend durfte ich im Wartebereich Platz nehmen.
Nicht mal zehn Minuten später stand ich auch schon meinem persönlichen Kinderwunschfachanbieter gegenüber. Erster Eindruck: Jippieh, der hat Lachfältchen! :-) Er stellte sich mir vor und führte mich in ein spärlich möbliertes Minizimmerchen, in dem er mir einen Platz auf einem bequemen Sessel anbot. Auf dem Tisch, hinter dem er selbst Platz nahm, lag – sauber abgeheftet, aufgeschlagen und mit Notizen versehen – mein bisheriger Kinderwunsch-Roman. Aha, er war also schon im Bilde. An irgendwen erinnert der mich. An wen bloß!? Ich kam nicht drauf...
Er begann unsere Sprechstunde mit den Worten: „Herzlich Willkommen, Frau Kraantje. Ich nehme an, Sie sind, wie so viele, nicht ganz freiwillig hier, aber keine Angst, wir beißen nicht ;-) Danke für Ihre Unterlagen. Ich habe mal Ihren OP-Bericht studiert, da steht ja eine ganz klare Behandlungsempfehlung drin...“ Pause. Ich musste schlucken, merkte, wie mir Gaaaanz-nah-am-Wasser-Bewohnerin langsam aber stetig die Tränen in die Augen stiegen. Oh Gottogott, nein, zwing’ mich bittebitte nicht, diese scheiß Hormone zu nehmen und mich noch mal operieren zu lassen!!! Ich schluckte noch ein bisschen heftiger (und wo ich schon mal dabei war auch gleich die Tränen mit runter) und begann selbst zu erzählen, was ich in den Wochen seit der OP so herausgefunden hatte und daher von der Behandlungsempfehlung meines Operateurs so hielte:
1. habe dieser im Abschlussgespräch gesagt, dass ich auch erstmal drei Zyklen so probieren dürfe, schwanger zu werden, weil die Endometriose nicht besonders aktiv sei,
2. sei ich ja nun nicht mehr die jüngste und habe Bedenken, wie mein Körper auf die Hormone reagiere und ob die mir nicht dauerhaft meinen Zyklus zerschießen,
3. habe ich mich ein wenig eingelesen und festgestellt, dass mit alternativen Behandlungsmethoden wesentlich bessere Erfolge erzielt werden,
4. habe der Operateur alles rausgerupft, was dem Kinderwunsch im Weg stehe,
5. könne ich ja offenbar schwanger werden, nur eben nicht bleiben,
6. sei ich ja seit OP beschwerdefrei (Anm.: Erwähnte ich eigentlich schon, dass ich meine letzte Mens komplett schmerzmittelfrei hinter mich gebracht habe!?).
Puuuuh... Er hörte sich alles in Seelenruhe an, ließ mich ausreden, machte sich währenddessen Notizen auf dem Umschlag unserer Akte, wobei er sich immer wieder den nicht vorhandenen Bart rieb. Dann fragte er: „Sie waren schon mal biochemisch schwanger? Wann haben Sie denn getestet und wann Ihre Periode bekommen?“ Ich: „Ääähm, also beim ersten Mal...“ Er: „Oh, ist das öfter vorgekommen? Wie oft?“ Extrem verlegen antwortete ich: „So sechs Mal!??“ Pause und Nicht-vorhandenen-Bart-Reiben.
Und dann ließ ich ihn mal ausreden ;-) Er begann mit der Feststellung, dass wir offenbar die zwei Diagnosen „Endometriose“ und „unerfüllter Kinderwunsch“ getrennt betrachten müssten. Er stellte augenzwinkernd die Empfehlung des Chirurgen infrage, indem er sagte, dass Operateure natürlich einen ästhetischen Anspruch hätten und am liebsten alles ganz „schön“ hätten, aber das müsse eben nicht immer im Interesse der Patientin sein. So lange ich beschwerdefrei sei, könnten wir ruhig erstmal versuchen, mich irgendwie schwanger zu kriegen, ein bestimmtes Zeitfenster wolle er nicht vorgeben, das sei abhängig vom Beschwerdebild. Mir fiel ein der erste riesen Felsblock vom Herzen!
Dann fragte er mich nochmals nach meinen positiven Tests. Ich erklärte ihm, dass die nicht besonders stark angezeigt haben, dass ich sogar eine zeitlang davon ausgegangen sei bzw. mir eingeredet habe, dass die Tests vielleicht kaputt waren (weswegen ich fast immer noch einen weiteren anderer Marke hinterhergeschoben habe), und außerdem habe ich auch nicht in jedem Zyklus getestet, sondern „nur auf so ein Gefühl hin“. Er verdächtigte dann umgehend das Myom und hoffte, dass sich das nun erledigt habe, was ich dann leider verneinen musste, weil's im Zyklus vor diesem Termin ja auch ganz ohne Myombeteiligung wieder passiert sei. Daraufhin brach ein wahrer Redeschwall aus dem Arzt heraus, ich schnappte immer mal wieder irgendwas auf, was ich schon mal gehört/gelesen hatte und kam dann auf des Pudels Kern: Er gehe nicht davon aus, dass die Tests falsch angezeigt haben, das müsse man sehr ernst nehmen. Bei derlei vielen Frühaborten (so hat er's genannt... Bums! Der erste, der dem „Kind“ mal einen Namen gegeben hat...) mache es Sinn, die übliche Diagnostik bei wiederholten Fehlgeburten durchzuführen. Ja, ich habe früh getestet, und ja, andere Frauen würden das gar nicht mal merken, und ja, es könne auch immer noch sein, dass wir einfach Pech hatten bisher, aber er sei froh, eine Art Anhaltspunkt zu haben. Da fiel mir dann direkt der nächste riesen Felsblock vom Herzen... Hat man's poltern hören!?
Anschließend haben wir uns noch auf einen „Fahrplan“ geeinigt.
1. Blutabnahme: Bei mir Blutgerinnung, Hormone (ihm reicht der endokrinologische Befund von letztem Jahr nicht aus, will mehr Parameter checken), und wenn wir einverstanden seien, bei beiden Genetik. Dazu hat er direkt gesagt, dass wir uns im Klaren sein müssten, dass da auch was bei rauskommen könnte, das eine Erfüllung des Kinderwunschs dauerhaft verhindere. Er wolle mir keine Angst machen, aber auch nichts beschönigen. Näher darauf eingegangen ist er nicht, aber es war ja jetzt auch erst das erste Gespräch... Die genetischen Befunde dauern vier bis fünf Wochen, alles andere zehn bis vierzehn Tage. Zur Befundbesprechung sollen wir dann beide vorstellig werden...
2. Am ersten Tag des nächsten Zyklus’ solle ich anrufen und einen Termin zur Gebärmutterspiegelung vereinbaren. Die würde dann ohne Narkose ambulant dort vor Ort durchgeführt. Er wolle einfach sichergehen, dass das OP-Feld in der Gebärmutter gut verheilt ist und sich nicht möglicherweise neue Verwachsungen oder Verklebungen gebildet haben. Vielleicht könne er mir dann auch schon was zur Gerinnung und den Hormonen erzählen, könnte zeitlich ganz gut passen...
3. Befundbesprechung mit meinem Lieblingsmenschen zusammen in vier bis fünf Wochen, anschließend ggf. Überweisung zur humangenetischen Beratung. Weitere "Fahrplanbesprechung", abhängig von den Untersuchungsergebnissen.
Übrigens: Künstliche Befruchtungsverfahren hat er vorerst ausgeschlossen. Er lässt aber auch noch mal das AMH (= Anti-Müller-Hormon) checken. Der letzte Wert ist von Januar, also von vor der OP, und da lag er bei 2,0, was zwar nicht berauschend, aber immer noch gut sei. Mit der Diagnose „Endometriose“ im Nacken solle man den aber schon überwachen, der könne schwanken und unter Endometriose eben auch mal rapide sinken. Eigentlich müsse man dem nicht zu viel Bedeutung beimessen, aber ihn eben im Auge behalten. Dann könne es halt sein, dass wir uns doch ein bissl sputen müssten... Aber erstmal entspannt bleiben... Nach einer guten Dreiviertelstunde war die Sprechstunde vorbei. Er verabschiedete mich mit den Worten: „Sie können sicher sein, so ein „Paket“ wie Ihres habe ich nicht alle Tage auf dem Schreibtisch.“
Uffz... Ich bedankte mich und versprach, mit meinem Lieblingsmenschen zusammen am nächsten Tag zur Blutabnahme zu kommen. Und dabei fiel es mir dann doch noch ein: Er erinnerte mich an meinen Pädagogik-LK-Lehrer aus Gymnasialzeiten, mit dem ich immer ganz hervorragend ausgekommen war. Ob das wohl ein gutes Zeichen für unsere weitere „Zusammenarbeit“ ist?!?
kraantje am 11. Juli 13
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