Donnerstag, 11. Juli 2013
Abenteuer Kinderwunschfachanbieter
Fast die gesamte Seelenbaby-Beinahe-Schwangerschaft, deren vET der 23.6.2013 gewesen wäre, war vergangen, als ich am Nachmittag des 18.6.2013 mit allerhand Papierkram bewaffnet zum ersten Mal über die Schwelle meiner Kinderwunschfachanbieter-Praxis spazierte. Unsere „gesammelten Werke“ – Vorbefunde und OP-Berichte von mir, das ausgewertete Spermiogramm meines Lieblingsmenschen sowie je einen Anamnesebogen und einen psychologischen Fragebogen, die wir zugeschickt bekommen hatten und ausgefüllt und unterschrieben mitbringen mussten – lieferte ich nicht nur wegen des schwül-heißen Wetters schweißgebadet und vor Aufregung fast kollabierend am Empfang ab. Während ich dem unter dem Gewicht unserer Akte leise ächzenden Empfangstisch lauschte, knipste eine der Kinderwunschservicedamen per Webcam ein Foto von mir – wohl, um etwaigem Missbrauch durch Finder oder Diebe meiner Versicherungskarte vorzubeugen... Ob’s hilft?! Ich seh darauf dermaßen kriminell und nicht-ICH-ig aus, dass ich hoffe, ich krieg keine Probleme, wenn ich mal nicht-verbrecherisch dreinschauend dort aufschlage ;-)). Anschließend durfte ich im Wartebereich Platz nehmen.

Nicht mal zehn Minuten später stand ich auch schon meinem persönlichen Kinderwunschfachanbieter gegenüber. Erster Eindruck: Jippieh, der hat Lachfältchen! :-) Er stellte sich mir vor und führte mich in ein spärlich möbliertes Minizimmerchen, in dem er mir einen Platz auf einem bequemen Sessel anbot. Auf dem Tisch, hinter dem er selbst Platz nahm, lag – sauber abgeheftet, aufgeschlagen und mit Notizen versehen – mein bisheriger Kinderwunsch-Roman. Aha, er war also schon im Bilde. An irgendwen erinnert der mich. An wen bloß!? Ich kam nicht drauf...

Er begann unsere Sprechstunde mit den Worten: „Herzlich Willkommen, Frau Kraantje. Ich nehme an, Sie sind, wie so viele, nicht ganz freiwillig hier, aber keine Angst, wir beißen nicht ;-) Danke für Ihre Unterlagen. Ich habe mal Ihren OP-Bericht studiert, da steht ja eine ganz klare Behandlungsempfehlung drin...“ Pause. Ich musste schlucken, merkte, wie mir Gaaaanz-nah-am-Wasser-Bewohnerin langsam aber stetig die Tränen in die Augen stiegen. Oh Gottogott, nein, zwing’ mich bittebitte nicht, diese scheiß Hormone zu nehmen und mich noch mal operieren zu lassen!!! Ich schluckte noch ein bisschen heftiger (und wo ich schon mal dabei war auch gleich die Tränen mit runter) und begann selbst zu erzählen, was ich in den Wochen seit der OP so herausgefunden hatte und daher von der Behandlungsempfehlung meines Operateurs so hielte:
1. habe dieser im Abschlussgespräch gesagt, dass ich auch erstmal drei Zyklen so probieren dürfe, schwanger zu werden, weil die Endometriose nicht besonders aktiv sei,
2. sei ich ja nun nicht mehr die jüngste und habe Bedenken, wie mein Körper auf die Hormone reagiere und ob die mir nicht dauerhaft meinen Zyklus zerschießen,
3. habe ich mich ein wenig eingelesen und festgestellt, dass mit alternativen Behandlungsmethoden wesentlich bessere Erfolge erzielt werden,
4. habe der Operateur alles rausgerupft, was dem Kinderwunsch im Weg stehe,
5. könne ich ja offenbar schwanger werden, nur eben nicht bleiben,
6. sei ich ja seit OP beschwerdefrei (Anm.: Erwähnte ich eigentlich schon, dass ich meine letzte Mens komplett schmerzmittelfrei hinter mich gebracht habe!?).
Puuuuh... Er hörte sich alles in Seelenruhe an, ließ mich ausreden, machte sich währenddessen Notizen auf dem Umschlag unserer Akte, wobei er sich immer wieder den nicht vorhandenen Bart rieb. Dann fragte er: „Sie waren schon mal biochemisch schwanger? Wann haben Sie denn getestet und wann Ihre Periode bekommen?“ Ich: „Ääähm, also beim ersten Mal...“ Er: „Oh, ist das öfter vorgekommen? Wie oft?“ Extrem verlegen antwortete ich: „So sechs Mal!??“ Pause und Nicht-vorhandenen-Bart-Reiben.

Und dann ließ ich ihn mal ausreden ;-) Er begann mit der Feststellung, dass wir offenbar die zwei Diagnosen „Endometriose“ und „unerfüllter Kinderwunsch“ getrennt betrachten müssten. Er stellte augenzwinkernd die Empfehlung des Chirurgen infrage, indem er sagte, dass Operateure natürlich einen ästhetischen Anspruch hätten und am liebsten alles ganz „schön“ hätten, aber das müsse eben nicht immer im Interesse der Patientin sein. So lange ich beschwerdefrei sei, könnten wir ruhig erstmal versuchen, mich irgendwie schwanger zu kriegen, ein bestimmtes Zeitfenster wolle er nicht vorgeben, das sei abhängig vom Beschwerdebild. Mir fiel ein der erste riesen Felsblock vom Herzen!

Dann fragte er mich nochmals nach meinen positiven Tests. Ich erklärte ihm, dass die nicht besonders stark angezeigt haben, dass ich sogar eine zeitlang davon ausgegangen sei bzw. mir eingeredet habe, dass die Tests vielleicht kaputt waren (weswegen ich fast immer noch einen weiteren anderer Marke hinterhergeschoben habe), und außerdem habe ich auch nicht in jedem Zyklus getestet, sondern „nur auf so ein Gefühl hin“. Er verdächtigte dann umgehend das Myom und hoffte, dass sich das nun erledigt habe, was ich dann leider verneinen musste, weil's im Zyklus vor diesem Termin ja auch ganz ohne Myombeteiligung wieder passiert sei. Daraufhin brach ein wahrer Redeschwall aus dem Arzt heraus, ich schnappte immer mal wieder irgendwas auf, was ich schon mal gehört/gelesen hatte und kam dann auf des Pudels Kern: Er gehe nicht davon aus, dass die Tests falsch angezeigt haben, das müsse man sehr ernst nehmen. Bei derlei vielen Frühaborten (so hat er's genannt... Bums! Der erste, der dem „Kind“ mal einen Namen gegeben hat...) mache es Sinn, die übliche Diagnostik bei wiederholten Fehlgeburten durchzuführen. Ja, ich habe früh getestet, und ja, andere Frauen würden das gar nicht mal merken, und ja, es könne auch immer noch sein, dass wir einfach Pech hatten bisher, aber er sei froh, eine Art Anhaltspunkt zu haben. Da fiel mir dann direkt der nächste riesen Felsblock vom Herzen... Hat man's poltern hören!?

Anschließend haben wir uns noch auf einen „Fahrplan“ geeinigt.
1. Blutabnahme: Bei mir Blutgerinnung, Hormone (ihm reicht der endokrinologische Befund von letztem Jahr nicht aus, will mehr Parameter checken), und wenn wir einverstanden seien, bei beiden Genetik. Dazu hat er direkt gesagt, dass wir uns im Klaren sein müssten, dass da auch was bei rauskommen könnte, das eine Erfüllung des Kinderwunschs dauerhaft verhindere. Er wolle mir keine Angst machen, aber auch nichts beschönigen. Näher darauf eingegangen ist er nicht, aber es war ja jetzt auch erst das erste Gespräch... Die genetischen Befunde dauern vier bis fünf Wochen, alles andere zehn bis vierzehn Tage. Zur Befundbesprechung sollen wir dann beide vorstellig werden...
2. Am ersten Tag des nächsten Zyklus’ solle ich anrufen und einen Termin zur Gebärmutterspiegelung vereinbaren. Die würde dann ohne Narkose ambulant dort vor Ort durchgeführt. Er wolle einfach sichergehen, dass das OP-Feld in der Gebärmutter gut verheilt ist und sich nicht möglicherweise neue Verwachsungen oder Verklebungen gebildet haben. Vielleicht könne er mir dann auch schon was zur Gerinnung und den Hormonen erzählen, könnte zeitlich ganz gut passen...
3. Befundbesprechung mit meinem Lieblingsmenschen zusammen in vier bis fünf Wochen, anschließend ggf. Überweisung zur humangenetischen Beratung. Weitere "Fahrplanbesprechung", abhängig von den Untersuchungsergebnissen.
Übrigens: Künstliche Befruchtungsverfahren hat er vorerst ausgeschlossen. Er lässt aber auch noch mal das AMH (= Anti-Müller-Hormon) checken. Der letzte Wert ist von Januar, also von vor der OP, und da lag er bei 2,0, was zwar nicht berauschend, aber immer noch gut sei. Mit der Diagnose „Endometriose“ im Nacken solle man den aber schon überwachen, der könne schwanken und unter Endometriose eben auch mal rapide sinken. Eigentlich müsse man dem nicht zu viel Bedeutung beimessen, aber ihn eben im Auge behalten. Dann könne es halt sein, dass wir uns doch ein bissl sputen müssten... Aber erstmal entspannt bleiben... Nach einer guten Dreiviertelstunde war die Sprechstunde vorbei. Er verabschiedete mich mit den Worten: „Sie können sicher sein, so ein „Paket“ wie Ihres habe ich nicht alle Tage auf dem Schreibtisch.“

Uffz... Ich bedankte mich und versprach, mit meinem Lieblingsmenschen zusammen am nächsten Tag zur Blutabnahme zu kommen. Und dabei fiel es mir dann doch noch ein: Er erinnerte mich an meinen Pädagogik-LK-Lehrer aus Gymnasialzeiten, mit dem ich immer ganz hervorragend ausgekommen war. Ob das wohl ein gutes Zeichen für unsere weitere „Zusammenarbeit“ ist?!?