Unliebsame „Mitbewohner“
Dem Jahreswechsel 2012/2013 schaute ich mit gemischten Gefühlen entgegen. Ich war noch immer nicht schwanger, unser aktiver Kinderwunsch jährte sich zum ersten Mal, und „zwischen den Jahren“ erfuhren wir, dass der beste Freund meines Lieblingsmenschen (a.k.a. Kinderwunsch-Mitwisser und zukünftiger Pate unseres Seelenbabys) Papa wird. Einfach so, mit circa gleichem vET wie unser Oktober-Sternchen. Ich wollte einfach nur weg, niemanden sehen, mich nicht der „Gefahr“ aussetzen, irgend jemandem auf einer Silvesterparty zur Schwangerschaft gratulieren und mich mitfreuen zu müssen. Ich war froh und dankbar, als wir die Möglichkeit erhielten, den Jahreswechsel weit weg von allem in Schweden zu verbringen...
Anfang 2013 beschloss ich frischen Mutes, einen Vorsorgetermin bei meiner Frauenärztin zu vereinbaren und ihr gleich auch wegen des unerfüllten Kinderwunschs auf den Zahn zu fühlen. So konnte es nicht weitergehen... Am 28.1.13 saß ich also mit klopfendem Herzen in ihrer Kinderwunschsprechstunde. Meine Ärztin nahm mir Blut ab für ein Zyklusmonitoring, bei dem man schaut, ob das empfindliche Zusammenspiel der Hormone einwandfrei funktioniert oder ob irgendwo eine Störung vorliegt. Vorgesehen waren drei Blutabnahmen: In der 1. Zyklushälfte, kurz vor dem Eisprung und in der 2. Zyklushälfte. Außerdem untersuchte sie mich per Ultraschall, bei dem sie etwas in der Gebärmutter entdeckte, was zuvor (meine letzte Vorsorgeuntersuchung war ein Dreivierteljahr her) nie dort gewesen war. Ob es sich um ein Myom oder einen Polypen handelt, dessen war sie sich unsicher, aber ihrer Meinung nach gehörte das abgeklärt. Ferner hielt sie es aufgrund aller unauffälligen Vorbefunde sowieso für sinnvoll, sich als nächsten Schritt im Rahmen einer Bauch- und Gebärmutterspiegelung der Funktionsfähigkeit meiner Eileiter zu versichern und – auch aufgrund meiner stets massiven Schmerzen während der Periode, die noch nie irgendjemand ernstgenommen hatte – zu schauen, ob auch sonst alles prima ist. Bei der Gelegenheit könnte man auch gleich das „Dingsel“ aus der Gebärmutter entfernen.
Ein paar Wochen später hatte ich alle Hormon- und Ultraschallbefunde des Zyklusmonitorings beisammen. Sie waren, wie meine Zyklusaufzeichnungen ja schon vermuten ließen, allesamt unauffällig.
Nach einem weiteren Sternchen im März vereinbarte ich also bei Eintreffen der Periode einen Termin zur Voruntersuchung in einem der hiesigen Krankenhäuser, einem Endometriose-Zentrum, das auf ambulante endoskopische Eingriffe im Unterleib spezialisiert ist. Die Gynäkologin dort sah in dem Dingsel direkt den Grund dafür, dass ich trotz positiver Schwangerschaftstests stets meine Periode bekommen hatte. Ihrer Meinung nach lag es an einer ganz besonders blöden Stelle, wo sich potenziell befruchtete Eizellen aus beiden Eileitern besonders gerne einnisten und dort dann leider zugrunde- und mit der nächsten Mens abgehen. Zum Abschied sagte sie: „Ach, das holen wir gaaanz einfach raus, keine Sorge. Sie sind hier in einem Endometriose-Zentrum, was meinen Sie, was für schlimme Fälle wir tagtäglich auf dem OP-Tisch haben. So ein kleines Myom entfernen wir doch mit links. Halbe Stunde und Sie sind wieder wach.“ Sie sollte sich irren...
Als ich am Montag, dem 15.4.13, aus der Narkose erwachte, wunderte ich mich beim Blick auf die OP-Uhr, warum es denn schon so spät sei, denn kurz bevor die Narkose wirkte, hatte ich ebenfalls auf die Uhr geschaut. Jetzt waren knapp 2 Stunden vergangen! Ich hörte den Anästhesisten sagen, dass ich im Krankenhaus bleiben müsse, man würde mich, wenn ich richtig wach sei (und das war ich schlagartig, auf der Aufwachstation war ich keine 10 Minuten), auf Station bringen. Auf meine Fragen, was denn los sei, konnte oder wollte niemand antworten, man vertröstete mich auf die Visite. Erst als ich auf meinem Zimmer ankam, bemerkte ich die Drainage in meiner linken Leiste. Also lag ich dort, meine Gedanken schwirrten, und ich versuchte mein Kopfkino zu bändigen. Man hatte mir doch nicht einfach so meine Gebärmutter herausgerissen? War sonst irgendwas Blödes passiert? Schmerzen hatte ich keine, und recht bald war ich auch wieder mobil (im Rahmen des Möglichen, wenn einem so ein Schlauch mit Beutel aus dem Unterleib heraushängt) und spazierte fröhlich über die Station.
Am Abend überbrachte mir eine junge Ärztin die Hiobsbotschaft: Man hatte zwar das Myom problemlos entfernen können und beide Eileiter seien durchlässig, aber man habe einen massiven Endometriose-Befall an allen möglichen und unmöglichen Stellen entdeckt.

Endometriose, das sind Herde im Bauchraum versprengter Gebärmutterschleimhaut, die sich zyklisch verhalten, die sich also während des Zyklusgeschehens aufbauen und zur Periode abbluten, wobei sie an Ort und Stelle kleine Entzündungen verursachen, die zu Verklebungen und Verwachsungen führen können.

In meinem Fall war der linke Eileiter und Eierstock, von dem man eine Endometriose-Zyste entfernte, mit der Bauchdecke verklebt und dadurch unbeweglich, zudem auch mit Herden übersät, und die Gebärmutter, die aufgrund dessen schräg im Becken lag, war nach vorn hin mit der Blase und die Blase mit der Bauchdecke verwachsen. Weitere Herde fanden sich im Douglas-Raum. Mir kamen die Tränen, ich war total schockiert! Ein absoluter Überraschungsbefund, mit dem niemand gerechnet hatte! Klar, schließlich hatte meine Schmerzen nie jemand ernst genommen, was mich so manches Mal an meinem eigenen Verstand zweifeln ließ. Ich dachte, ich sei besonders schmerzempfindlich oder eben total hypochondrisch...
Der Chirurg, mit dem ich am Tag meiner Entlassung zwei Tage später sprach, sagte, er konnte nicht alles sanieren, weil es zu gefährlich gewesen wäre und ich darüber nicht aufgeklärt worden war. Er habe zwar alles, was dem Kinderwunsch hinderlich sei, entfernt, vermute aber, dass sich bei genauerer Untersuchung auch in der Blase und im/am Darm noch Endometriosebefall feststellen lassen müsste. Die erste Empfehlung lautete: Man wolle meinen Zyklus mit einer Pille 3 Monate lang ruhigstellen und dann noch einmal operieren. Ich bohrte vehement nach, wollte mich damit nicht abfinden, und am Ende des Gesprächs befand der Chirurg, er könne es befürworten, wenn wir es noch weitere 3 Zyklen lang versuchen, schwanger zu werden, denn „eine Schwangerschaft ist noch immer die beste Therapie bei Endometriose“. Danach müsse man aber definitiv handeln. Verzweifelt vergoss ich ein paar Tränen. Würde ich jemals Mama werden können? Wenn ja, wann? In ein paar Wochen wäre ich schon 35. Und dann!?
Um ein paar unliebsame „Mitbewohner“ erleichtert, aber mit meinem Schicksal hadernd und einer anstehenden schweren Entscheidung im Gepäck wurde ich entlassen...